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Puebla: Vom Glück, das gefunden werden will!

  • Bernd
  • vor 2 Tagen
  • 7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 3 Stunden


In Deutschland und anderswo

bewege ich mich oft hinter einer Wand aus Glas.

Ich sehe die Menschen, aber erreiche sie nicht.

Ich höre die Menschen, aber verstehe sie nicht.

Ich berühre die Menschen, aber sie empfinden nichts.

bernd


2024/2026

Vor der Kathedrale steht in großen bunten Buchstaben: Puebla.


Ein Versuch


Glücksmomente sind meistens kurz. Sie stecken in einem Song, der plötzlich alles leichter macht, in einer Nachricht zur richtigen Zeit oder in diesem einen Moment, in dem einfach alles stimmt. Glück ist nicht immer laut. Manchmal ist es nur ein kurzer flüchtiger Augenblick, der bleibt.



Ich fotografiere durch eine Buchstabenreihe, durch das D hinweg, das den Blick auf Puebla frei gibt.

Manchmal werde ich auf Reisen gleichzeitig von einer Flut von Eindrücken überrollt.


Ich staune mit offenem Mund über die Lebensfreude, die die Menschen versprühen, umhüllt von Farben und Gerüchen, berauscht vom Lärm und Licht.


Danach stelle ich fest: Das lässt sich unmöglich in Worte fassen. Insbesondere nicht in einen Reiseblog, wo inmitten der fast schon obszönen Überfrachtung an Medien, die unser eigenständiges Denken narkotisieren, jedes Wort zu viel ist.


Dies war eine solche Reise.











Reisen


Nach meiner Isolationshaft während der Gruppenreise durch Mexiko (https://www.skybirdfly.blog/post/gruppenreisen) und auch danach, im rastlosen Gedröhne Playa del Carmens, flüchte ich nach Puebla. Der Flug ist schnell gebucht und kurzweilig. Und schon wartet da mein erstes WOW! Das Hotel. Es ist ein Statement gegen die überdimensionierten Hotelmonolithen des Massentourismus an der Playa del Carmen. Der Hotelname: ein Zungenbrecher:



Collection O Al otro lado del rio

Meine Wertung: *****


Der unscheinbare Eingang des pinkfarbenen Hauses trügt. Er führt zu einer Oase der Ruhe.

Adresse: 1, Calle 3 Ote, 1030, Barrio de Analco, 72000 Heroica Puebla de Zaragoza, Pue, Mexico

Telefon: +52 222 690 3358


Das Hotel liegt nur etwa 500 m von der Altstadt Pueblas entfernt. Lasst Euch nicht vom unscheinbaren Eingang täuschen.


Es ist eine Oase für die Seele und die Augen und beherbergt ein erstklassiges Restaurant, das gerne auch von den Mexikanern besucht wird. Am Wochenende ist es fast immer ausgebucht. Die Gäste stehen dann bis in den Innenhof Schlange.







Kräftige Farben wie hier das Orange schmücken den Innenhof auf dem Stühle und Tische dekorativ inszeniert sind.





Kacheln und Kirchen


Puebla wurde 1531 gegründet und liegt etwa 100 km östlich von Mexico Stadt, am Fuß des Vulkans Popocatépetl. Die quirlige historische Altstadt ist UNESCO-Welterbe. Wie ein großes Freilichtmuseum erstrahlt das historische Zentrum mit seinen zahllosen aus die Jahre gekommenen Postkartenmotiven.


Puebla ist ein Kulturfest für alle Sinne: Die barocke Altstadt betört mich mit in Farbe getauchte bunte Gebäude und glasierten Azulejos Kacheln, die die Fassaden, Kirchen und Innenhöfe schmücken. Die spanische Kolonialarchitektur ist fast allgegenwärtig, aber Begriffe wie Esskultur, Alltagsrituale, Kunsthandwerk werden durch das indigene Erbe erst lebendig.



Straßen aus Kopfsteinpflaster, bunte Häuser und Elektrokabel, die die Straße überspannen, zieren die Altstadt.



Auf der Suche nach dem Glück


Auf meiner Suche komme ich vor einer Garküche vorbei. Es duftet nach Chiles en Nogada, ein traditionelles mexikanisches Gericht, bestehend aus gefüllten Poblano-Paprika mit Walnusssauce und Granatapfelkernen. Aufgrund seiner Symbolik und Farbe gilt das Gericht als mexikanische Nationalspeise. Wir sagen in Deutschland: Liebe geht durch den Magen. Ein schöner Gedanke, finde ich. Demnach ist die Liebe in Mexiko - bei all den Angeboten an frischen leckeren Speisen - allgegenwärtig.


Aber mit der Liebe und mit dem Glück ist das so eine Sache. Manchmal ergänzen sie sich, manchmal schließen sie sich gegenseitig aus.



Eine große mit sechs Gerichten bebilderte Speisekarte soll die Kunden anlocken.
Suchspiel: Chiles en Nogada ;-)



Gegen das Worthülsenfabrikantentum


Ohne Zweifel: Wir sind umgeben von Beratern, Assistenten, Medienprofis, Consultingagenturen, Coaches, Juristen und Juristinnen, die all unsere intuitiven Impulse und sozialen Kompetenzen wegamputieren: "Das können Sie so nicht sagen." "Das dürfen Sie so nicht machen." Das ist gefährlich." "Das wird ihre Umfragewerte ruinieren...."



Talavera Keramik: Teller, Vasen, Tassen, Kannen mit den charakteristischen blau-orangenen Blumenmotiven.


Welch ein Segen Kunst und Kunsthandwerk doch sind! Nonverbale Kommunikation mit meinen Sinnen. Es macht glücklich. Einfach, simpel und kostenlos. Alles was es braucht, ist Feingefühl. Die Farben wirken wie ein Verstärker auf mich.



Ein Brunnen in Muschelform, davor stehen zwei Stühle aus Metall und roten-weiß gestreiften Kissen.


Praktische Beispiele dafür sind die kunsthandwerklichen Läden mit ihrer Talavera-Keramik, ungeachtet dessen, ob man das nun mag oder nicht. Diese Keramik ist weit über Mexiko hinaus bekannt und prägt das Stadtbild bis heute: Teller, Vasen oder Brunnen.


Die Herstellung ist aufwändig und riskant, da ein Stück jederzeit zerbrechen kann. Für die Herstellung wird ausschließlich natürlicher Ton verwendet, ohne chemische Zusätze und Farben. Selbst an regnerischen Tagen beleben sie das Stadtbild.



Nahaufnahme einer Talavera Fliese mit orangefarbener Blüte und blauen Blütenblättern auf weißem Grund.


Musikalische Briefe


Ich setze meinen Weg durch Pueblas Fußgängerzone fort und lausche den Klängen eines Straßenmusikers, die es hier häufig zu bestaunen gibt. Wie ich ihn um seine Liebe zur Musik beneide. Wie wohltuend ist das für die eigene Seele, wenn man ein Instrument spielen kann und andere daran teilhaben lässt, in ihnen Emotionen entlockt, längst verloren geglaubte Gefühle freisetzt und - zumindest für einen Augenblick - anderen Menschen akustische Glücksmomente schenkt.






Cathedral de Puebla: Eine Kathedrale im Licht


Adresse: C. 16 de Septiembre s/n

Centro histórico de Puebla, 72000 Heroica Puebla de Zaragoza


Es dämmert bereits. Der Tag neigt sich stimmungsvoll seinem Ende zu und lockt die Menschen langsam auf die Straßen, weil die Temperaturen nun erträglicher sind. Ich erreiche die Kathedrale am Platz Zocalo, die mit einem besonderen visuellen und akustischen Schauspiel mein lnteresse weckt. Seht selbst:





Die Catedral de Puebla ist ein weltberühmtes Meisterwerk der spanischen Renaissance und des Barocks. Ihr langwieriger Bau begann im Jahr 1575 und dauerte bis zur endgültigen Fertigstellung 1690. Das monumentale Gotteshaus erstrahlt mit ihren zwei massiven Glockentürmen und einer prächtigen Kuppel.



Bernd steht spät abends entspannt vor einem blau beleuchteten Brunnen, auf dem Platz Zocalo.
...just in this moment.

Familien genießen den stimmungsvollen Abend vor dieser historischen Kulisse auf dem Platz, begleitet von ihren lebhaften Kindern, die ausgelassen und lautstark Fangen spielen.


Für sie sind ihre Eltern nach wie vor Leuchttürme des Wissens und der Stärke.


Für einen Augenblick, einem Wimpernschlag ihrer Lebenszeit, ist ihr Leben perfekt. Vielleicht sogar vollkommen, so vollkommen, wie es später einmal nie wieder sein wird.


Wie für mich, just in this moment.






Sadomasochistische Vorlieben


Das Leiden hat in der christlichen Mythologie eine zentrale Rolle. Der "liebe Gott" war in meiner Kindheit immer ein strafender Gott, das religiöse Leben immer leidend und auf Erlösung durch Jesus Christus ausgerichtet, dessen Leben grausam endete. Seine Opferbereitschaft, sein Leiden, ist unser Glück?


Bild des am Kreuz hängenden toten Jesus Christus. Davor eine wehklagende Frau und ein Mann.


Diese Darstellungen seines Leidens – auf äußersten Realismus bedacht – grenzen an Geschmacklosigkeit und rühren an den Horror jener sadomasochistischen religiösen Fixierung auf das Leiden und Sterben des Erlösers; eine Fixierung, die Missionare – entgegen allen christlichen Werten – später nur allzu bereitwillig anderen Völkern aufzwangen, so wie es fast alle Weltreligionen getan haben.



Eine lebensgroße Holzfigur des toten Jesus Christus liegt in einer Vitrine. Realistisch wirkende Wunden klaffen an seiner linken Seite. Sein Körper ist mit Blut bedeckt. Die Perücke aus echtem Haar wirkt unheimlich.
Wenn das Bild Dich mit Glücksgefühlen überschwemmt oder wie auch immer erregt, sollten Du einen Arzt aufsuchen.


Religion ist in Puebla Teil des öffentlichen Lebens. Das zeigt der erste Blick in das grandiose Innenleben der gewaltigen Kathedrale. Zahlreiche Kirchen, Klöster und religiöse Bauwerke prägen das Stadtbild.



Das Innere der prachtvollen Kathedrale: Sie beeindruckt mit schlichter Eleganz, stilvollen Kuppeln, Rundbögen und feinen Mosaiken.
Kathedrale von Puebla

Religion wird in Puebla - wie in ganz Mexiko - in den zahllosen religiösen Ritualen, Zeremonien, Prozessionen, Patronatsfeste, Gedenktage mit Essen, Musik und Blumen praktiziert. Für Reisende wie mich ist das sehr eindrucksvoll anzusehen, weil Religion hier weniger anonym gelebt wird als bei uns zu Hause. Sie ist sichtbar, hörbar und zuweilen auch essbar.



Die Geheimnisse von Puebla: Zeit und Raum


Adresse: C. 2-A Nte. 2602A, Barrio de Xanenetla, 72990 Puebla

Öffnungszeiten: Dienstag - Sonntag von 10 Uhr bis 16 Uhr

Eintrittspreis: regulär 1,60 €, ermäßigt 0,70 €, Kinder bis zu 12 Jahren kostenlos


Erkenntnisse und Entdeckungen aus der Archäologie - versunkene Reiche, Ruinen, Schmuck, Waffen, Alltagsgegenstände, Gräber - zeugen von der Vergangenheit und sind Spiegel unserer Vergänglichkeit. Ich verstehe historische Orte als eine Art Nabelschnur, die uns zurück in unsere Vergangenheit, zu unseren Wurzeln, führt. So wie hier im Museum Secrets of Puebla (Los Secretos de Puebla).


Erst 2015 wurden unter der Stadt Puebla die Tunnelsysteme bei Bauarbeiten entdeckt. Sie wurden in verschiedenen Epochen über einen Zeitraum von 500 Jahren erbaut.



Im restaurierten Tunnel läuft man durch Steingänge und historische Tunnelabschnitte. In den Ausstellungen legten Archäologen zahlreiche Artefakte frei, z.B. antike Spielzeuge. Küchenutensilien, Gewehre und Kugeln.


Die restaurierten Tunnelsysteme sind heute gut ausgeleuchtet, haben aber nicht von ihrer geheimnisvollen Atmosphäre verloren.

Dieses Tunnelsystem hatte verschiedene Funktionen:


  1. militärisch strategische zur Verteidigung: Die Gänge verbinden das Stadtzentrum mit der Festung Fuerte de Loreto. Während der Schlacht von Puerta im Jahr 1862 gegen die Franzosen gelang es den Mexikanern, Truppen und Munition unbemerkt zu transportieren, was letztendlich zum Sieg führte.

  2. Die spanische Kolonialmacht bauten im 16. und 17 Jahrhundert Entwässerungssysteme.

  3. Die Tunnel vernetzen verschiedene Kirchen und Klöster miteinander.

  4. Warentransport und Schmuggel: Die Haupttunnel sind hoch und breit genug, um damit Waren per Pferd zu transportieren.






Mercado de la Victoria



Das Stahlgerüst und die Verglasung fluten die Einkaufshalle mit Licht.

So wie eine riesige, prachtvolle Bahnhofshalle im Pariser Stil – nur ohne Züge, stattdessen war sie vollgestopft mit Bergen von Chilis. Lautstark feilschende Marktfrauen lockten zahlungskräftige Kunden an und der intensive Duft von frischem Koriander betörte die Menschen. Das war der Mercado de la Victoria! Benannt wurde er nach Guadalupe Victoria, dem ersten mexikanischen Präsidenten.



In den Süßwarenläden locken die unterschiedlichsten Süßigkeiten in großen nach Vorne verglasten Schubladen Kunden an.
Verführerisch sind auch die zahlreichen Süßigkeiten Läden in der Gegend.


Früher war es der wichtigste Lebensmittelmarkt der Stadt, heute ist es ein modernes Einkaufszentrum. Neben Cafés und Bekleidungsgeschäfte findest Du auch Verkaufsstände für lokales Kunsthandwerk. Charmant sind die Stände mit Streetfood.



In dieser Fußgängerzone stören keine Fahrzeuge. Zwischen beiden Häuserseiten sind zahlreiche bunte viereckige Fahnen gespannt.
Calle de los Dulces

Womit wir wieder bei der Liebe wären, die durch den Magen geht. Hier ein paar Beispiele:


  • Cemitas Poblanas ist Pueblas Antwort auf den Burger: ein spezielles, mit Sesam bestreutes Brötchen, das traditionell mit paniertem Fleisch (Milanesa), Avocado, frischem Quesillo-Käse, Zwiebeln und dem lokalen Kraut Papalo gefüllt wird.

  • Chalupas sind kleine, in Schmalz frittierte Maistortillas, die ganz simpel mit roter oder grüner Salsa, gezupftem Fleisch vom Schwein oder Huhn. Sie sind mit rohen Zwiebeln belegt.

  • Tacos Árabes ist eine Spezialität, die von libanesischen Einwanderern nach Puebla gebracht wurde. Schweinefleisch wird nach Döner-/Gyros-Art am Spieß gegrillt, dünn abgeschnitten und in einem weichen Weizenbrot (Pan Árabe) mit einer scharfen Chipotle-Salsa serviert.






Heute werde ich zum Suppenkasper


Ich entscheide mich für ein winziges unscheinbares wie schmales Restaurant mit einer Vielzahl an Suppen im Angebot - ein Ort, an den sich offenbar keine Touristen verirren. Ich kann mich nicht entscheiden.



Man kann dieses kleine unscheinbare Restaurant leicht übersehen.

Ich müsse unbedingt eine Sopa Poblana probieren, ruft mir zu meiner Überraschung ein älterer Herr mit einer geradezu jugendlichen Ausstrahlung, feinen Gesichtszügen und einem auffälligen Hut vom gegenüberliegenden Tisch zu.


Wir kommen ins Gespräch. Ich frage ihn nach seinem Alter: "Quantos anos tiene?" und er antwortet: "Casi ochenta anos!", (fast 80 Jahre), was mir ein anerkennendes WOW!!!! entlockt.


"Wie schaffen Sie es, in diesem Alter so jung auszusehen?", frage ich mit aufrichtiger Neugier. "Nun, halte dich von Ärzten, Anwälten und Psychologen fern und investiere stattdessen das Geld in einen guten Wein und gutes Essen. Guter Sex kann auch nicht schaden."




Er hebt sein Weinglas und prostet mir zu. Mein Spanisch ist zu schlecht und zu meiner Überraschung spricht er in Englisch weiter. Er habe lange Zeit Englisch unterrichtet und trifft sich hier mit seinem Freund regelmäßig zum Essen und winkt gleich noch den Besitzer des Restaurants zu uns hinzu.



Auf meinem Tisch stauen sich die vielen Gerichte. Reis, Suppen, Bier.


Kurze Zeit später stehen drei verschiedene, köstlich duftende frisch zubereitete Suppen, frisches Brot, Reis und ein Bier auf meinem Tisch. "Weißt Du, nur wenige Gringos verirren sich hierher." Und kurz darauf steht auch der Kellner bei uns und erkundigt sich, ob mir Puebla gefalle.



Draußen vor dem Lokal hängt eine schwarze Schiefertafel. Darauf stehen mit bunter Kreide geschrieben die Speisen.

Als ich all die Köstlichkeiten bezahlen möchte, lehnt der Besitzer höflich ab und berechnet mir nur eine.


Für die Suppen, den Reis, das Bier und das Brot zahle ich umgerechnet nur 5 €. Das kostet in den Touristenläden allein schon das Bier.


Wieder so ein Glücksmoment. Nein, nicht wegen des Geldes, es war die Gastfreundschaft und es waren die offenen spontanen wie unerwarteten Gespräche.





Vom Glück, das gefunden werden will



Auf dem gut besuchten Markt treffen sich die Menschen nicht nur um einzukaufen.


Nein, nein das Glück ist hier kein Zufall,

es ist ein leiser sanfter Ruf.


Sieh nur: Es versteckt sich in Gassen,

in einem Lächeln,

in flüchtigen Blicken und

in kleinen Zeichen.


Das Glück eilt dir voraus und wartet doch geduldig.


Werde langsamer, dann findest du es.


Nicht als Ziel, sondern als Moment,

der Dir sagt: Jetzt und hier.


bernd

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