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Pridnestrowje

  • Bernd
  • 2. Jan.
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 8. Jan.

2025

Auf einer roten Granitplatte ist eine Fahne aus Metall ausgebreitet. Darauf ruht ein Helm eines Soldaten.


Ich buche entgegen meiner sonstigen Gewohnheiten eine Tagestour für Pridnestrowje.


Ihr werdet das Land eher unter der Bezeichnung Transnistrien kennen. Aber unsere charmante Reiseleiterin informiert uns darüber, dass der Name Transnistrien in Pridnestrowje verboten ist, weil er mit Gräueltaten der rumänischen Besatzungsmacht während des zweiten Weltkriegs verbunden wird. Ihn zu verwenden wird strafrechtlich verfolgt.



Mannshohes Seitenportrait eines freundlich schauenden Lenins in dunklem Anzug und roter Schleife.
Goodbye Lenin



Pridnestrowje, ein Staat im Staat, den zugegebenermaßen kein Land der Erde anerkannt hat. Er ist politisch, wirtschaftlich und militärisch abhängig von Russland. Völkerrechtlich gehört er aber zu Moldawien.



Die Karte zeigt den Standort von Tiraspol.

Einreise: Wer nach Pridnestrowje einreisen möchte braucht einen gültigen Reisepass.


An der Grenze bekommt man eine Migrationskarte, die bis zur Ausreise aufbewahrt werden muss.


Pridnestrowje entzieht sich der Zentralregierung in Chişinău.


Von Reisen dahin wird von westlichen Quellen wegen des Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine abgeraten, weil die Situation jederzeit eskalieren könne.






Weiße mit goldenen Kuppeln russisch-orthodoxe Kathedrale Geburt Christi in Tiraspol.
Russisch-orthodoxe Kathedrale

Die Einwohnerzahl Pridnestrowje schrumpft und wird zwischen 460.000 bis 500.000 beziffert.


Hauptstadt: Die Universitätsstadt Tiraspol ist mit 150.000 Einwohner die Hauptstadt und das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum.


Währung: Pridnestrowjischer Rubel, eine nicht anerkannte Währung, die außerhalb des Landes nicht konvertierbar ist und deshalb genauso gefragt ist wie abgestandenes Bier.


Euros und der Moldawische Leu werden als Zahlungsmittel akzeptiert.










Tiraspol, die unbekannte Hauptstadt



Gedenken an die glorreiche Zeit der sowjetischen Kosmonauten schmückt die Häusderfassade.

Tiraspol, die Hauptstadt von Pridnestrowje, ist so etwas wie der geheime Ort unter den europäischen Städten – offiziell gibt es ihn eigentlich gar nicht. Jeder, der schon mal da war, staunt über die entspannte Atmosphäre: kaum Autoverkehr, geordnete Tagesabläufe in dieser auf den zweiten Blick liebenswerten Stadt.


Tiraspol erinnert ein bisschen an eine sowjetische Filmkulisse, in der das Jahr 1991 stehengeblieben ist: Überall Lenin-Statuen, Straßenbahnen mit nostalgischem Charme und kleine Kioske.









Baumallee im herbstlichen Licht.


CCCP-Restaurant

Meine Wertung: *****

Sverdlova 54a, Tiraspol, Pridnestrowje (Moldawien)



Das schlichte Gebäude des CCCP Restaurants besticht mit Nostalgie.


Man kann auch sagen, es ist ein Geschichtsrestaurant, denn sobald Ihr die Schwelle zum Lokal überschreitet, befindet Ihr Euch in einer anderen Zeit und in einer anderen Welt. Eltern werden ihren Kindern die eine oder andere Requisite der analogen Welt aus einer analogen Zeit erklären müssen.




Den Vorraum zum Restaurant schmücken alte Gebrauchsgegenstände.


Zum Beispiel an der Theke, das hängende Backgammon, was in Wirklichkeit ein Rechenschieber, also eine Art alter Taschenrechner, ist. Vergiss es. Ein schönes touristisches Restaurant. Aber nicht nur. Hierher verirren sich auch gerne Einheimische, was ich mal als gutes Zeichen für gute russische Küche werte.


Neben Fleischgerichten wie Schaschlik werden Salate, Borscht, Fisch, frisches Brot und Gemüse angeboten. Einfach mal ausprobieren.



Auf dem Tisch wartet das dunkle russische Starkbier darauf, getrunken zu werden.

Ich nehme an, das schmackhafte Bier ist aus der historischen Brauerei aus Bender, Pridnestrowje. Das dunkle Bier hat einen angenehm malzigen Geschmack und passt vorzüglich zur deftigen russischen Küche.





Markttag in Tiraspol: Melonen, Mamas und Musik


Wer hier zu spät kommt, den bestraft Babuschka. Deshalb schnappt Euch Euren schönsten Rucksack und kommt zum Zentralmarkt im wilden Osten. Belohnt werdet Ihr mit einer wilden Sinfonie an Geräuschen und Gerüchen.



Der Zentralmarkt lockt mit frischen Waren.


Der Markt ist ein buntes Labyrinth aus Ständen und Gängen. Hier findet Ihr alles, was das Herz begehrt – oder gar nicht wusste, dass es das begehrt! Frisches Gemüse stapelt sich zu wahren Pyramiden, bunt leuchtendes Obst, farbenfroher als jedes Gemälde Picassos, und irgendwo dazwischen lauern Marktfrauen und Marktmänner, die ihre eigenen Produkte anbieten.


Wer russisch spricht erweicht die Herzen der Menschen. Ich verstehe leider gar nichts, weiß nicht, was sie mir sagen. Vielleicht so etwas wie: „Mein Honig ist süßer als die Liebe, probieren Sie! Und nehmen Sie auch gleich noch einen Laib Brot mit, der ist frischer als Ihre letzte Romanze!“


Ein Händler bietet ein umfangreiches Angebot an Honig und Marmeladen an.


Bevor Ihr es realisiert, kehrt Ihr mit Taschen voller Gemüse, Geschichten und vielleicht sogar einem Huhn unterm Arm zum Bus zurück. Auf dem Zentralmarkt in Tiraspol pulsiert das Leben, mit verhandelbaren Preisen. Und wer einmal auf dem Markt war, vergisst ihn nie wieder… auch nicht Deine Waage im Bad, die Dir sagt: "Du hast schon wieder zugenommen!"



Hier werden selbst eingelegte Gurken angeboten.


Denk mal


Es gibt Reiseländer, mit grandiosen Landschaften, andere punkten mit ihren Metropolen, ihren kulturellen Angeboten, ihrer Religion und wieder andere konfrontieren uns mit einer Vielzahl an Denkmälern. Wie hier zum Beispiel, an der Straße des 25. Oktober.



Ein alter russischer Panzer glorifiziert sein Heldentum vor einer russisch-orthodoxen Kirche.
Religion und Kriege, passt fast immer.

Sie beschwören eine glorreiche Vergangenheit, verehren wichtige Persönlichkeiten mit ihren kulturellen, wissenschaftlichen oder politischen Errungenschaften.


Die traurigsten Denkmäler ihrer Art sind jene, die an längst vergangene Schlachten erinnern.


Oft zeigen sie eine Gruppe heroischer Personen mit ausgestreckten Armen und geballten Fäusten, die ihre Entschlossenheit unterstreichen.













Nichts davon verkörpern jene Denkmäler, die an zahllose Tragödien erinnern. Die Schmerzen der Betroffenen und ihrer Hinterbliebenen lassen sich nur noch erahnen.



Eine kleine Flamme ragt aus einem Stern.


Fassungslos und betroffen verweilt man vor ihnen und starrt auf die arrangierten Gegenstände und ihre Symbolik. Mitunter mahnen kleine Flammen – als Zeichen der ewigen Erinnerung – an die Opfer.



Auf einer roten Granitplatte ist eine Fahne aus Metall ausgebreitet. Darauf ruht ein Helm eines Soldaten.


Das Titelbild zu diesem Reiseblog sagt schon alles: ein Helm mit ausgebreiteter Fahne auf einem Granitblock. Ein fast welker Straus Blumen illustriert als Farbklecks den Kontrast zu Metall und Stein.



Das Denkmal zeigt eine ausgemergelte Frau die ihren linken dürren Arm ausstreckt.

Diese Art von Denkmälern ist omnipräsent. Erzählen sie doch von Menschen, die ihre besten Jahre noch vor sich hatten, als sie schlagartig aus ihrem Leben gerissen wurden: für Konflikte, die sie nicht zu verantworten hatten. Und idealisierte, vom Leid gezeichnete Frauen ermahnen die Kaste der Kriegstreiber, damit endlich aufzuhören. "Erinnert Euch!"


Nur, irgendwann erinnert man(n) sich eben nicht mehr. Irgendwann rasen nur noch Touristengruppen an jenen Denkmälern -hastig von ihren Guides getrieben - achtlos daran vorbei.


Zu traurig, um kurz anzuhalten.


Irgendwann sind die Denkmale nur noch Sitzplatz für Tauben und ihrer Hinterlassenschaften. Und dann, in ferner Zukunft, noch nicht einmal mehr das.




Man sollte meinen, die Menschen lernen irgendwann von diesen Mahnmalen menschlicher Tragödien. Man sollte meinen, jetzt haben wir den Mechanismus menschlichen Versagens durchschaut. Bis zum nächsten Denkmal der nächsten Generation.



Das steinerne Denkmal Lenins ragt vor dem Parlamentsgebäude  Tiraspols in den Himmel.
1987 zum 70. Jahrestag der Oktoberrevolution errichtet: Lenin


Gut möglich, dass die Zeit die Menschheit zwingt, mit dieser widerwärtigsten aller menschlichen Angewohnheiten,

- ihrer Kriege – aufzuhören, weil der Klimawandel zurückschlägt, weil die natürlichen Ressourcen sich einfach nicht mehr regenerieren.


Oder weil irgendwelche Außerirdischen die Menschheit existentiell bedroht. Scherz?!


Keine Ahnung. Irgendwie so was. Und auf dem letzten Denkmal steht:


Denk mal.


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