Karim, der Perlentaucher
- Bernd
- 3. März
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 17. Apr.
Qatar am Persischen Golf
Öffne ein Auge, wenn du verkaufst,
und beide Augen, wenn du kaufst.
Sprichwort aus Qatar
2026

Souq Waqif
Mein Rating: *****


Der Souq ist über 100 Jahre alt und war das Handelszentrum für Vieh, Perlen, Gewürze und Waren des Alltags der kleinen Siedlung Doha.
Souq Waqif bedeutet "stehender Markt", weil es hier immer wieder zu Überflutungen kam. 2003 brannte er ab und wurde ab 2006 zwei Jahre originalgetreu restauriert.
Anders als die touristischen Souq´s in Dubai verbindet dieser Souq auf gelungene Weise Moderne und Tradition und wird von den Einheimischen sehr geschätzt.
Was positiv auffällt: Kaum ein Händler bedrängt mich. Seelenruhig kann ich durch die engen Gassen schlendern, ohne dass jemand an mir zerrt und mich in ein Gespräch verwickelt.

Schlimmer Finger

Auch gut zur Orientierung ist die überdimensionierte Skulptur eines Daumens.
Irgendwie erschließt sich mir nicht seine Bedeutung. Vielleicht erinnert die Skulptur daran, dass die Menschen in vergangenen Zeiten mit dem Daumen unterschrieben.
Weit gefehlt: Die Bronzeskulptur des französischen Künstlers César Baldaccini erinnert an den Sieg der katarischen Fußballnationalmannschaft beim Asien-Cup 2019. Da muss man erst mal draufkommen!
Wie dem auch sei. Die Skulptur eignet sich hervorragend als Wahrzeichen in und um den Souq.
Neben den üblichen Geschäften für Textiles, Haushalt, Gewürze und Parfums gibt es zahllose Cafés, Restaurants und Boutique Hotels.
Kunst voll: Souq Waqif Art Center

Ihr findet sie praktisch an fast jeder Straßenecke: die Kunst.
Angefangen von den architektonischen Meisterleistungen der modernen und klassischen Bauwerke: Sie anzusehen ist einfach schön. Und kostenlos.
Umfangreiche Skulpturen, über deren Geschmack man sich streiten kann, begegnen Euch ständig. Manche sind spektakulär. Ebenfalls kostenlos.
Im Souq Waqif Art Center, den Ihr getrost betreten könnt, findet Ihr hochwertige Gemälde diverser Stilrichtungen. Mit Leben erfüllt sich das Gebäude erst am Abend.
Dann könnt Ihr den Künstlerinnen und Künstlern in ihrem kreativen Schaffen auch über die Schulter schauen. Mit einer beneidenswerten Ruhe und ganz im Bann ihres Tuns.
Unmoralische Angebote
Der Souq hat eine Vielzahl von Angeboten: Lebensmittel, Textiles, Haushalt, Handwerk, Parfums, Gewürze, sogar einen Vogelmarkt gibt es dort und natürlich touristische Souvenirs und vieles mehr. Diese Art zu Shoppen wird durch die zahlreichen Cafés, Restaurants und Street Food-Stände kurzweilig.
Ein Café möchte ich hier erwähnen, weil Ihr dort frisch zubereitete Süßigkeiten, wie wir sie beim Türken um die Ecke kaufen, anbieten. Aber hier inspiriert das Umfeld einfach mal ein paar Gänge herunterzuschalten.

Gegenüber vom schlimmen Finger findet Ihr das Café:

Wer ohnehin mit Gewichtsproblemen zu tun hat, braucht sich jetzt auch keine Gedanken mehr zu machen.
Abnehmen kann man in der darauffolgenden Woche oder die zu Neujahr ignorierten Vorsätze nun aber wirklich ganz entschieden umzusetzen.
Immerhin gibt es inzwischen Rettung durch die pharmazeutische Industrie: Die vielzitierten Abnehmspritzen, die ja bekanntermaßen den Appetit zügeln sollen, vereisen Rettung in der Not.
Alternativ soll es demnächst eine Abnehmpille geben. Oder ist die schon auf dem Markt?
Alternativ macht ihr es wie ich: einfach weniger essen.
Ihr merkt schon: unmoralische Angebote.

Orientierung


Der Souq ist relativ groß, doch Angst, sich darin zu verirren braucht man nicht zu haben. Breite Fußgängerzonen strukturieren das Areal.
Am besten merkt Ihr Euch prägnante Orte, wie den Alten Brunnen oder die bereits erwähnte markante Daumenskulptur. Das ist im Grunde jedoch unnötig, weil alle verwinkelten Gassen zwangsläufig wieder auf eine der Hauptstraßen führen.
Außerdem gibt es an jeder Ecke Service- und Sicherheitspersonal.
Karim, der Perlentaucher
Ich laufe ziellos durch die engen verwinkelten Gassen des Souq's Waqif als mir eine Gruppe rauchender Männer auffällt.

Da ist noch ein Platz frei, und ich habe seit längerer Zeit keine Shisha mehr geraucht. Die Männer nicken mir freundlich zu. Links von mir sitzt ein ergrauter Mann, vielleicht um die 80 Jahre alt, mit milden wohlwollenden Augen, der sich mir als Karim vorstellt. Seine Geschichte geht so:
Wenn ich heute an die Zeiten unserer Großväter und Väter zurückdenke, war das Perlentauchen einst die wichtigste Lebensgrundlage in Qatar.
Die Arbeit war beschwerlich, gefährlich und von den Launen des Meeres abhängig. Ich möchte dir von meinem Vater Karim, dem Perlentaucher, erzählen, damit du verstehst, wie wir lebten und arbeiteten.
In den 1930er Jahren, mit der Entdeckung der Zuchtperlen, neigte sich unser Beruf seinem Ende. Damit nahm die wirtschaftliche Not in unserem Land spürbar zu.

Wir Perlentaucher lebten mit unserer Familie in kleinen Hütten am Strand. Sie bestanden aus Holz und Bambus mit zwei Räumen.
Unsere Küche lag im Freien. Wasser holten wir vom Brunnen, abends spendeten Petroleumlampen ihr spärliches Licht. Im Haus roch es nach Meer und Salz, aber die Nähe zum Ozean schenkte uns Freiheit und Gemeinschaft.
Noch zu Zeiten meines Onkels, der mit seiner Familie durch die endlose Wüste zog, lebte unser Volk von dem, was das Land aus Fischfang, Handel und Perlen hergab.
Mein Onkel hielt nicht viel vom Perlentauchen. Er brauchte die Weite der Wüste, die Stille und den Sternenhimmel, der sich wie ein Teppich über das Land ausbreitete.

Das erste Licht

Manchmal durfte ich meinen Vater zum Perlenfischen begleiten. Unsere Tage starteten, sobald am Horizont das erste Licht zu erahnen war. Unser Nakhuda, der Kapitän, weckte uns noch vor Sonnenaufgang. Verschlafen, aber voller Erwartung, beteten wir gemeinsam auf dem Deck unserer Dhau. Das Frühstück war einfach – meist nur ein paar Datteln, ein Stück Brot und etwas Wasser. Doch es musste reichten, um den Magen zu füllen.

Mein Vater band sich damals eine Klammer aus Knochen an die Nase, damit das Wasser draußen blieb. Ein simples Baumwolltuch hielt seine dürren Lenden zusammen. Wir befestigten den schweren Stein, den wir „Jibaal“ nannten, an einem Seil, damit er ihn schnell hinab in die Tiefe zog. Ein weiteres Seil verband ihn mit dem Boot – daran hing ein Korb für die Austern.
Die Tauchgänge

Nach den Vorbereitungen ging es ins Wasser. Ich kann dir gar nicht sagen, wie viel Mut er brauchte, um in die Tiefe zu springen. Mit dem Jibaal am Fuß rauschte er zehn, manchmal sogar zwanzig Meter tief in den Schlund der See.
Die Luft blieb nie lange, ein oder zwei Minuten vielleicht, dann zerrte er am Seil, so dass seine Kameraden ihn schnell wieder nach oben zogen. Kaum an Bord, musste er sich kurz erholen – doch lange blieb keine Zeit, denn der nächste Tauchgang wartete schon.
Mittagspause und Entspannung

Zur Mittagszeit, wenn die Sonne gnadenlos brannte, legten wir eine wohlverdiente Pause ein. Unsere Mahlzeiten waren verglichen mit heutigen Verhältnissen sehr bescheiden: Reis mit Fisch oder etwas getrocknetes Fleisch. Manchmal schliefen wir ein paar Minuten auf dem Holzdeck, um Kraft für den Nachmittag zu sammeln.
Am Nachmittag

Auch am Nachmittag ging es weiter. Die Knochen wurden schwer, die Muskeln müde, aber der Traum von der einen großen Perle trieb uns an.
Immer wieder tauchte er hinab, spürte die Strömung, die Kälte, manchmal den brennenden Schmerz von Quallen oder Schnitte durch Korallen.
Nicht selten hörte ich von Verletzungen, und manche Begegnung mit den Haien werde ich nie vergessen.
Die Angst um meinen Vater trieb meiner Mutter tiefe Sorgenfalten ins Gesicht. Insbesondere bei mehrtägigen Tauchgängen.
Abendliche Rückkehr

Mit dem Sonnenuntergang kam Erleichterung.
Er wusch sich das Salz vom Körper – so gut es eben ging mit dem letzten Rest Süßwasser – und betete mit den anderen.
Danach öffneten die Taucher vorsichtig die gesammelten Austern. Ich kann dir sagen: Das Glück lag in den kleinen Dingen. Viel zu oft blieben die Schalen leer.
Aber jedes Mal, wenn mein Vater eine Perle fand, schlug sein Herz schneller.
Nachtruhe und Gemeinschaft

Abends saßen wir zusammen, aßen noch eine Kleinigkeit, erzählten uns Geschichten oder sangen alte Lieder. Die Kameradschaft half, den harten Tag zu vergessen. Und dann, unter dem Sternenzelt, legten wir uns zur Ruhe, bereit, am nächsten Morgen wieder von vorn zu beginnen.

Das Leben meines Vaters als Perlenfischer war geprägt von harter Arbeit, Entbehrungen und Gefahren – aber auch von Zusammenhalt und Hoffnung.
Die Perlenfischerei war mehr als ein Beruf für ihn. Sie hat uns als Gemeinschaft geprägt und unser kleines Land am Golf zusammengehalten.
Nachtrag: Dunkle Wolken am Himmel über Doha
Ende Januar verlasse ich Qatar in Richtung Indien. Was ich zu dieser Zeit nur erahnen konnte, war ein handfester Konflikt zwischen Israel, den USA und dem Iran. Anfang März 2026 droht ein Krieg, der das Fundament der ganzen Golfregion und des globalen Handels gefährdet.

Tausende Touristen sitzen inzwischen fest, weil der Flugverkehr der ganzen Region eingestellt wurde. Die stabilen wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse geraten ins Wanken. Ein neuer Krieg bedroht den Weltfrieden einmal mehr.




Kommentare