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Auf der Suche nach Indien: Delhi

  • Bernd
  • vor 22 Stunden
  • 8 Min. Lesezeit
Ein lebensgroßes Modell Gandhis steigt aus einem historischen Zug. Der Oberkörper ist frei, um die Lenden ist ein weißes Bein Tuch gewickelt.
Die älteren unter Euch werden ihn noch kennen: Nein, es ist nicht Peter Struck.

2026


Indien ist das siebtgrößte Land der Erde und hat mit 1,45 Milliarden Menschen China als bevölkerungsreichsten Staat überholt. Es beeindruckt mit einer Vielfalt an Kulturen, Sprachen, Religionen und Landschaften: Es vereint Tradition und Gegensätze: von den schneebedeckten Gipfeln des Himalayas im Norden bis zu den tropischen Stränden im Süden, von den endlosen Wüsten Rajasthans bis zu den üppigen Teeplantagen im Osten.



Von einer Hotelterrasse blickt man über die dunstige Skyline Delhis.
Häusermeer und permanenter Smog in Delhi.

Im Herzen des lebendigen Subkontinents befindet sich die beeindruckende Metropole Delhi. Als Hauptstadt Indiens steht Delhi nicht nur für politische Bedeutung, sondern auch für eine faszinierende kulturelle Vielfalt und ein außergewöhnliches historisches Erbe. Und damit beginnt unsere Reise.


Indien: chaotisch, hektisch, laut, ein ständiger Kampf ums physische Überleben macht Inder und Inderinnen zu gewieften Händlern des Lebens. Ich muss mich akklimatisieren. Der gigantische Lärm der Straße, überall wird gehupt, gedrängelt, rennen die Menschen rastlos durch die viel zu engen Gassen der Altstadt, die von Menschen überquillt. Und Abgase benebeln nicht nur die durch Smog geschwängerte Luft.



Hotel



Blick in den Innenhof des Hotels. Das Wasserbecken ist von Palmen umgeben.
Der Innenhof ist ansprechend gestaltet.

Das Hotel, das ich nach Mitternacht beziehe, ähnelt den Fotos auf der Buchungsplattform, die ich benutzte, nur rudimentär. Immer unwegsamer und enger werden die Straßen dorthin.


Pützen und Matsch lassen darauf schließen, dass es vor kurzem geregnet hat. Hunde bellen und schauen mir neugierig zu wie ich das Hotel betrete.


Immerhin ist noch jemand da. Das Foyer erinnert an eine Lagerhalle. Säcke mit Lebensmittel warten darauf, an ihren Platz gebracht zu werden.


Ich trage meine Daten in ein überdimensioniertes Buch, wie es der Weihnachtsmann verwenden könnte.


Ein sehr freundlicher Angestellter bringt mich zu meinem Zimmer. Die Januarnächte sind empfindlich kalt in Delhi.




Diese Kälte wird hier, in diesem mit kaltweißem Licht erhellten Raum und den spiegelglatten Fliesen noch verstärkt. Durch die Balkontür zieht es. Aber es ist sauber.




Delhis Straßenverkehr: Der Weg ist das Ziel


Berufsverkehr auf den Straßen Delhis. Ein Krankenwagen mit Signallicht versucht vergeblich durch den Stau zu kommen.
Pech, wer zur Rushhour einen Krankenwagen braucht.

Ich kann gar nicht sagen, zu welcher Tageszeit es keinen Verkehr auf Delhis Straßen gibt. Hier wird nach ungeschriebenen Regeln gefahren. Fußgänger sind die unterste Gruppe in der Hierarchie, hier zählt der Schnellere, im Zweifelsfall der Stärkere.


Selbst das Überquerung der Straße wird zum Abenteuer und der Sinn des Lebens erschließt sich mir auf wunderbare Weise neu: Der Weg ist das Ziel. Und das Ganze auch wieder zurück. Wer hier am Zebrastreifen verharrt, steht dort bis zur Rente.





Kotzen, Fressen, Chillen: KFC



Grafik eines panischen Hahns mit weit aufgerissenem Schnabel und hervortretenden Augen.

Aus reiner Verzweiflung wage ich einen Besuch beim freundlich glotzenden Onkel mit Brille. Nach erfolgreicher Überquerung der Straße kommt der zweite Teil unseres Dschungeltrainings: ein Menü bei KFC überleben.


Psychologen haben angeblich herausgefunden, weshalb die Burger bei den großen Fast-Food-Ketten so erfolgreich sind: haptisch erinnert uns das Brötchen an eine weibliche Brust: so weich und knuffig sind sie.


Lustige Grafik eines Kükens im Ei mit weit aufgerissenem Schnabel und hervorquellenden Augen.

Bei dieser Filiale muss es sich aber um eine sehr alte, nein, sehr, sehr alte, also uralte Brust handeln. Denn kaum habe ich den Burger vom Papier befreit, bröselt er durch meine Finger. Was rede ich da? Nein, das Brötchen löst sich vor meinen Augen auf. Also schnell reinbeißen.


Hui! Unter der knusprigen Panade beiße ich auf glitschiges aufgequollenes Hühnerfleisch, dass zu 90 % aus Wasser zu bestehen scheint. Nachdem ich aufgegessen habe (sonst gibt es morgen kein schönes Wetter), heißt es abwarten und die nächsten 24 Stunden überleben.

Eine Malerwalze, wie man sie zum Streichen von Wänden benutzt und blauer Farbe.


In den Straßen Delhis


Je nachdem, wo man sich in Delhi befindet, ist es entweder sehr gepflegt und weitläufig, wie z.B. im Diplomaten-, Villen- und Regierungsviertel, mit ihren großzügig angelegten Parks, ihren teuren Geschäften und Cafés. In Indien gibt es eine stetig wachsende Zahl wohlhabender Menschen, die kräftig konsumieren und ausgiebig reisen.


Geschäfte in Delhi. Ministry of cakes steht über einem Laden.
Humor haben die Inder: Es gibt ein Ministry of Cakes.

In meinem Fall, in meiner Gegend, ist es laut, stickig und eng. Abseits der Geschäftszentren riecht es nach Urin, den viele der weniger Privilegierten hier zurücklassen und der in den löchrigen Straßen kleine Pützen bildet. Es ist also ratsam, festes Schuhwerk zu tragen, nicht nur wegen der angedeuteten Fußgängerwege, die so unwegsam sind, dass ich es vorziehe, am Straßenrand zu gehen.


Ein Straßenhändler verkauft eine Süßspeise aus Reis.
Überall locken kleine Garküchen.

Eine alte Frau sitzt im Kreise ihrer Familie, Nachbarn oder Freunden auf einem Stein und wirft mir einen zahnlosen Kuss zu.


Die Gruppe freut sich umso mehr, weil ich ihre Avancen erwidere. Wir schäkern zur Freude der Menschen.


Bevor es zu intensiv wird setze ich meinen Weg winkend fort. Überhaupt sollte ich noch mehrfach feststellen, dass die Inder ein sehr höfliches und hilfsbereites Volk sind, was einem kopflastigen Westeuropäer wie mir fast schon stutzig macht. Aber es ist wirkliche Gastfreundschaft.


Noch ausgeprägter ist die Freundlichkeit der Inder außerhalb der Großstadt, in den kleineren Städten und Dörfern.


Die Menschen freuen sich über den Besuch der Fremden. Sie winken lächelnd oder fragen mit Handschlag, woher man kommt. Das ist wahrhaft echt.




Die Last des Lebens



In den engen Gassen der Altstadt schleppen Lastenträger schwere Säcke.

Die Gassen der Altstadt Delhis sind sehr eng und verwinkelt und übersät mit kleinen Geschäften, wie ich es aus einem Souk kenne.


Riesige Mengen an Lebensmittel werden hier umgesetzt. Ohne die Lastenträger, die einzelne Säcke oder ganze Wagenladungen von einem Ort zum anderen transportieren, läuft hier gar nichts.


Sie halten ihren Kopf hin und machen den Buckel krumm.


Für Außenstehende scheint es hier wie in einem Taubenschlag zuzugehen. Aber jeder hier hat eine feste Aufgabe im gigantischen Uhrwerk der Geschäftswelt. Vom Tagelöhner, der als Handwerker seine Dienste anbietet bis hin zum smarten Geschäftsmann.





Selbst die jungen Frauen, mit ihren kleinen Kindern auf dem Arm, verfolgen ihr Geschäftsmodell und verdienen sich durch Betteln ihren Lebensunterhalt.



Ein graues und ein braunes Rind fressen zwischen Plastikmüll am Straßenrand.
Rinder sind heilig und werden nicht geschlachtet.

Außerhalb der Großstädte ist es bedeutend sauberer. Doch der Plastikmüll ist allgegenwärtig, egal ob in der Stadt oder auf dem Land. Er gehört wie die vielen freilaufenden Rinder zum Straßenbild.


Aber niemand möchte mehr den Müll beseitigen, sagt mir ein indischer Reiseführer. Es ist - man mag es kaum glauben - schwierig, dafür Personal zu finden.


Nach Einbruch der Dunkelheit sind aus meiner Sicht belebte Plätze unbedenklich.


Das gilt allerdings nicht für dunkle abgelegene Orte und Elendsviertel. Eine Binsenweisheit. Es fehlt den Menschen an grundlegenden Dingen. Und leider pflanzt sich das Leid - wie in den meisten Megastädten - auch hier unkontrolliert fort.






Delhi wächst durch die nicht enden wollende Landflucht, beherbergt inzwischen 36 Millionen!!! Einwohner. Berlin ist ein Dorf dagegen.


You want it spicy?


Theoretisch kann ich mich für ein paar Rupien am Tag sehr günstig ernähren. Denn überall locken kleine Garküchen hungrige Kunden an. In der Regel sind die Speisen frisch zubereitet. Aus welchen Gründen auch immer verzichte ich dieses Mal auf eine Verkostung. Auf meinem Plan steht eine Rundreise, auf der ich mir etwaige Magenprobleme nicht leisten kann.


Rote Chilischoten in einem Behälter lassen ihre Schärfe nur erahnen.


Indien ist ein reiches Land. Es produziert mehr Lebensmittel, als es verbraucht: Milch, Hülsenfrüchte, Obst, Gemüse, Getreide. Die Nahrungsmittelproduktion ist ein wichtiger Pfeiler der Wirtschaft. Vieles geht in den Export.


Weltberühmt und berüchtigt ist das Land für sein reichhaltiges Sortiment an Gewürzen und Gewürzmischungen. Säckeweise werden sie auf den Märkten angeboten.



Ein Ausschnitt eines Gewürzsortiments mit Pfeffer warten auf Kunden.

Wenn in einem indischen Lokal auf der Speisekarte "spicy" steht, ist das nicht mit den indischen Gerichten in einem europäischen indischen Restaurant zu vergleichen.


In Indien ist mit spicy extrem scharf gemeint, dass uns die Augäpfel aus ihren Verankerungen treibt, sie rot anschwellen lässt und mit Tränen überschüttet, die an die Niagarafälle erinnern.


Fragt der Kellner, ob man sich sicher ist, die indische Variante oder lieber eine abgemilderte zu wählen, sollte man sich für die abgemilderte entscheiden.


Am Anfang wenigstens. Steigern könnt ihr immer noch.



Ein Gemüsestand in leuchtenden Farben der Tomaten, Zucchini, Paprika und Ingwer regt den Appetit an.
Frischer als vom Markt geht es nicht.

Das Land mit den meisten Vegetariern ist Indien. Dies hat mit der tiefen religiösen Überzeugung aus Hinduismus, Jainismus und Buddhismus der Inder zu tun.


Der Jainismus ist eine der ältesten Religionen, etwa 600 v. Chr. und lehrt die strikte Gewaltlosigkeit und Askese.


Rinder sind heilig und werden nicht geschlachtet.




Das Sprichwort in Deutschland: "Bleib doch, wo der Pfeffer wächst!" ist die Aufforderung, zu verschwinden und nicht zurückzukehren. Die Redewendung stammt aus der Zeit des Gewürzhandels mit Indien, etwa um 1500 n.Chr.



Fünf Säcke mit schwarzem  Pfeffer.
"Bleib doch, wo der Pfeffer wächst!"


Du musst die Sense schleifen: Umgangsformen und Tabus



Ein Brautpaar wird von einer Kosmetikerin für das Fotoshooting vorbereitet.

Indien ist ein sehr tolerantes Land. Ein gegenseitiger respektvoller Umgang, Höflichkeit und Gastfreundschaft sind wichtige Merkmale der indischen Gesellschaft.


Die Familie steht im Zentrum der Menschen, die Hochzeit der Höhepunkt des Lebens. Er ist mit immensen Erwartungen der Eltern und auf Statuserhalt verbunden.


Hochzeiten sind in Indien eine Industrie. Im Bollywood Stil posieren die Paare vor den Kameras; eine Vielzahl an Agenturen und Beautysalons sind darauf spezialisiert, sie ins rechte Licht zu rücken.




Eine Hochzeit hat selten weniger als 500 Gäste, die verpflegt werden müssen. Sehr wohlhabende Familien, von denen es in Indien schätzungsweise 1 Million Einkommensmillionäre gibt - Tendenz steigend - mieten Ballsäle in teure 5-Sterne-Hotels oder buchen ganze Paläste.



Ein kahlköpfiger Mann trägt ein schweres Paket auf seiner linken Schulter.

Es gibt klare Erwartungen an die Kinder, insbesondere was die Einhaltung der Geschlechterrollen betrifft. Söhne gebären war das Ziel, denn Mädchen konnten eine Familie ruinieren, weil die Eltern dem Bräutigam - je mach Stand, in den sie einheiratet - eine ordentliche Mitgift zahlen müssen.


Die Familie ist heilig, idealisiert und das Paradies schlechthin, sofern die Frau Söhne gebären. Aufgrund dieser Umstände ließen die Eltern während der Schwangerschaft das Geschlecht bestimmen.


War das Kind ein Mädchen, wurde es abgetrieben.


Der seit 2014 regierende Premierminister Narendra Damodardas Modi hat dem sehr entschieden einen Riegel vorgeschoben.





Ärzten und Ärztinnen ist es untersagt, den Eltern vor der Geburt des Kindes das Geschlecht mitzuteilen. Wer dagegen verstößt verliert seine Zulassung als Arzt bzw. Ärztin, muss drastische Strafen zahlen und landet - je nach Schwere des Vergehens - im Gefängnis.



Roter Arkadengang der Jama Masjid Moschee in Delhi.
Jama Masjid Moschee, Delhi.


Die Idealisierung der Familie ist ein neuer Trend nicht nur in Indien. Frauen, die sich für ihre Karriere entscheiden, Paare, die ohne Trauschein leben, Männer und Frauen, die die Zwangsehen ablehnen, Schwule, Lesben und Transgender, die für sich keine Lebensperspektiven in den starren Strukturen der Traditionen erkennen und diese ablehnen, leben mit erheblichem gesellschaftlichem Gegenwind.



Großer bunter Schriftzug: New Delhi


Das verheißene Paradies Familie wird dann sehr schnell zur Hölle und zum Spießrutenlauf für gesellschaftliche Aussteiger. Doch auch hier brechen alte gesellschaftliche Mauern langsam auf, insbesondere in den Großstädten.


Der Schlüssel? Bildung und Arbeit.



Spielverderber


Nichts fürchtet der Inder mehr als der Fluch der Bettler. Die tiefreligiösen Männer und Frauen arbeiten lebenslang an ihrem guten Karma. Wer möchte schon als Kröte oder Donald wiedergeboren werden?


Zwei Männer in der Großküche eines Sikh -Tempels stehen vor großen Bottichen mit Nahrung.

Deshalb spenden sie, um ja nicht von einem Menschen, der auf der Straße leben muss, verwünscht zu werden. Und sobald ihr tägliches Spendenbudget aufgebraucht ist, ziehen sie freundlich und demütig weiter. Auf keinem Fall unhöflich sein. Denn das nächste Leben könnte dich durch so manche Unachtsamkeit selbst obdachlos machen.


Allerdings ist die Bedürftigkeit auf den Straßen Indiens immens. Das macht die Sache mit dem Mitgefühl nicht leichter. Auch hier gilt: macht es wie die Inder und: lernen durch Beobachten.



Auf den steilen Treppenstufen des Stufenbrunnens treffen sich die Menschen zum Entspannen.
Agrasen ki Baoli: Historischer Stufenbrunnen, 14. Jhd., Delhi.



Jemand, der fehlt


Sitzende Skulptur des Mahama Gandhi auf einer Bank.

Mahatma Gandhi ist omnipräsent. Er ist Indiens Staatsgründer und Übervater. Wie kein anderer Politiker stand er für den gewaltfreien Widerstand gegen die britische Kolonialmacht. Das war sein Markenzeichen, mit dem er Indien am 15. August 1947, nach 200 Jahren britischer Kolonialherrschaft, in die Unabhängigkeit führte.


Ich fahre zum Mahatma-Gandhi-Museum Gandhi Smriti, Raj Ghat, New Delhi, Delhi, 110002, Indien. Das Haus erinnert an eine Baracke und stellt historische Dokumente und Fotos aus.


Schwarzes historisches Telefon mit Wählscheibe.
Ein Mobiltelefon

Nicht zu verwechseln mit dem National Gandhi Museum, Jawaharlal Nehru Marg, opp. Raj Ghat Memorial New Delhi, Vikram Nagar, New Delhi, Delhi, 110002, Indien.


Es befindet sich nicht weit vom Mahatma Gandhi Museum. Hier könnt Ihr - neben geschichtlichen Fakten - sein Telefon, seine Schuhe, seine Brille und auch die dritten Zähne des Ausnahmepolitikers bestaunen.


Selbst nach seinem Tod ist dieser Mann so nahbar und menschlich.


Seine Bescheidenheit in den späten Jahren seines Lebens machen auch heute noch - bei all den toxischen Kriegstreiber unserer Zeit - wehmütig.


Ghandi ist jemand, der fehlt.









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